Stellen Sie sich vor: Ein gepanzertes Fahrzeug rast mit 60 km/h über offenes Gelände, glaubt sich in Sicherheit – und wird Sekunden später von einer Artilleriegranate aus 70 Kilometern Entfernung präzise getroffen. Kein GPS-Signal, keine externe Zielführung, nur pure europäische Ingenieurskunst. Was wie Science-Fiction klingt, ist mit der Vulcano 155mm GLR Realität geworden. Diese Munition markiert einen Paradigmenwechsel in der modernen Artilleriekriegführung und lässt selbst die vielgepriesene amerikanische Excalibur-Granate alt aussehen.
Die technische Revolution aus Italien und Deutschland
Die Vulcano 155mm Guided Long Range (GLR) ist ein Gemeinschaftsprojekt von Leonardo (Italien) und Diehl Defence (Deutschland). Was diese Präzisionsmunition von allen bisherigen Systemen unterscheidet, sind ihre beeindruckenden Leistungsdaten:
- Reichweite: Über 70 Kilometer aus konventionellen 155mm-Geschützen
- Präzision: CEP (Circular Error Probable) von nur 1,5 Metern
- Zielerfassung: Fähigkeit, bewegliche Ziele autonom zu verfolgen und zu treffen
- Navigationssystem: Funktioniert auch ohne GPS-Signal
Diese Kombination aus extremer Reichweite und Präzision gegen fahrende Ziele ist weltweit einzigartig. Die Granate nutzt einen semi-aktiven Lasersucher in Kombination mit einem Infrarot-Sensor, der es ermöglicht, Ziele selbstständig zu identifizieren und zu verfolgen. Ein integriertes Trägheitsnavigationssystem macht sie unabhängig von störanfälligen GPS-Signalen – ein entscheidender Vorteil in der modernen elektronischen Kampfführung.
Warum die Excalibur ins Hintertreffen gerät
Die amerikanische M982 Excalibur galt lange als Goldstandard der Präzisionsartillerie. Mit ihrer GPS-gesteuerten Navigation erreicht sie eine Treffergenauigkeit von etwa 2 Metern CEP bei einer Reichweite von rund 40 Kilometern. Doch der Ukraine-Krieg hat die Schwächen dieses Systems schonungslos offengelegt.
Russische elektronische Kampfführungssysteme wie Pole-21 und andere GPS-Störsender haben die Effektivität der Excalibur dramatisch reduziert. Berichte aus der Ukraine sprechen von Ausfallraten von bis zu 50 Prozent bei GPS-gestörten Munitionstypen. Ein Geschoss, das mehrere zehntausend Dollar kostet und dann sein Ziel verfehlt, wird schnell zum strategischen und wirtschaftlichen Problem.
Die Vulcano hingegen arbeitet mit einem hybriden Lenksystem. Selbst wenn das GPS-Signal gestört wird, übernimmt das Trägheitsnavigationssystem in Kombination mit dem Infrarot-Sucher die Zielführung. Der semi-aktive Lasersucher ermöglicht zusätzlich die präzise Endphasen-Korrektur – auch gegen Ziele, die sich mit hoher Geschwindigkeit bewegen.
Bewegliche Ziele: Der entscheidende Vorteil
Die Fähigkeit, fahrende Ziele zu bekämpfen, verändert die Spielregeln der Artilleriekriegführung fundamental. Bisher mussten Artilleristen ihre Ziele genau lokalisieren und hoffen, dass diese während der Flugzeit der Granate – bei 70 Kilometern mehrere Minuten – stationär blieben. Gepanzerte Fahrzeuge, mobile Luftabwehrsysteme oder Nachschubkonvois konnten sich dieser Bedrohung durch ständige Bewegung entziehen.
Mit der Vulcano GLR gehört diese Taktik der Vergangenheit an. Der autonome Endphasen-Sucher erfasst das Ziel im Anflug und korrigiert die Flugbahn selbstständig. Tests haben gezeigt, dass selbst Fahrzeuge, die mit 60 km/h fahren, zuverlässig getroffen werden können. Für gegnerische Kommandeure bedeutet dies einen fundamentalen Verlust an taktischer Flexibilität.
Besonders relevant ist diese Fähigkeit für die Bekämpfung von:
- Mobilen Flugabwehrsystemen (SHORAD)
- Artillerie-Selbstfahrlafetten im Stellungswechsel
- Logistikkonvois und Nachschubfahrzeugen
- Kommando- und Führungsfahrzeugen
- Gepanzerten Aufklärungseinheiten
Strategische Implikationen für die NATO
Die Vulcano GLR kommt zu einem kritischen Zeitpunkt für die europäische Verteidigung. Die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg haben gezeigt, dass Artillerie nach wie vor den Kern des Gefechtsfeldes bildet – entgegen aller Theorien über vernetzte Kriegsführung und Präzisionsschläge aus der Luft.
Für die Bundeswehr und andere NATO-Partner bietet die Vulcano eine kostengünstige Möglichkeit, die Schlagkraft bestehender 155mm-Systeme wie der Panzerhaubitze 2000 dramatisch zu erhöhen. Die Granate ist kompatibel mit allen modernen 155mm-Geschützen mit 52-Kaliber-Rohrlänge und erfordert keine Modifikationen an den Waffensystemen selbst.
Die italienische Marine setzt bereits die Marineversion der Vulcano auf ihren Fregatten ein. Auch die deutsche Marine prüft die Integration in die Fregatten der Klasse F126. Im Landbereich haben mehrere NATO-Staaten Interesse bekundet, darunter die Niederlande und Norwegen.
Die Produktionskapazitäten werden derzeit hochgefahren. Leonardo hat angekündigt, die Fertigung in den kommenden Jahren zu verdreifachen – eine direkte Reaktion auf die gestiegene Nachfrage nach Präzisionsmunition seit Beginn des Ukraine-Krieges.
Fazit: Europa zeigt Stärke in der Artillerietechnologie
Die Vulcano 155mm GLR demonstriert eindrucksvoll, dass europäische Rüstungsunternehmen in Schlüsseltechnologien weltweit führend sein können. Während die amerikanische Excalibur unter den Bedingungen elektronischer Kampfführung kämpft, bietet die europäische Lösung einen robusten, zukunftssicheren Ansatz.
Mit ihrer einzigartigen Kombination aus Reichweite, Präzision und der Fähigkeit, bewegliche Ziele zu bekämpfen, setzt die Vulcano neue Maßstäbe. Sie ist nicht nur eine Evolution der Artilleriemunition – sie ist eine Revolution, die das Gefechtsfeld nachhaltig verändern wird.
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